Bezirkshauptfrau Mag. Katharina Schall im REA-Gespräch
„Die Bezirkshauptmannschaft Reutte steht für Bürgernähe und eine moderne Verwaltung“
REA: Die Gemeinden hatten 2009 erhebliche Einbußen bei den Abgabenertragsanteilen zu verzeichnen. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Gleichzeitig steigen die Aufgaben und damit die finanziellen Belastungen. Droht den Gemeinden der finanzielle Kollaps?
Schall: Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es einen negativen Trend bei den Einnahmen. Dieser Entwicklung müssen wir uns stellen. Die Gemeinden sind daher stärker denn je gefordert, Prioritäten zu setzen, langfristiger zu planen und Einsparungspotenziale zu identifizieren.
REA: In den Medien wurde die finanzielle Situation der Gemeinden auch als Wegbereiter von Zusammenlegungen gesehen. Tatsächlich gibt es kaum irgendwo derart kleine selbständige Gemeinden wie in Tirol. Sehen sie darin ein besonderes Zeichen von Bürgernähe oder eher einer ineffizienten Verwaltung?
Schall: Ich sehe die Zusammenlegung von Gemeinden kritisch. Die Gemeindestruktur ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung und unserer besonderen Geografie. Ja, ich sehe in dieser Struktur auch ein Zeichen von Bürgernähe. Allerdings versuchen viele kleine Gemeinden bereits, die Verwaltung durch Zusammenarbeit effizienter zu gestalten und so Kosten einzusparen.
REA: Dennoch bleibt es uns nicht erspart, Bürgernähe und Kosteneffizienz bei den Gemeinden unter einen Hut zu bringen. Welche Rolle kann hier zukünftig das Internet spielen?
Schall: Eine moderne Verwaltung wird sich zunehmend auch dieses Mediums bedienen. Ich denke etwa an die Bürger-Card oder die elektronische Zustellung. Der persönliche Kontakt darf aber nicht verloren gehen. Die Menschen brauchen einen Ansprechpartner vor Ort.
REA: Wie bürgernah ist die Bezirkshauptmannschaft?
Schall: Die Bezirkshauptmannschaft entwickelte sich bereits unter meinem Vorgänger zu einer modernen, bürgernahen Behörde. Seine Bemühungen werden fortgesetzt. So sind wir derzeit dabei, ein „mobiles Bürgerbüro“ zu installieren. Die Bürger können dann an ihrer Arbeitsstelle etwa einen neuen Pass beantragen. Zudem unterziehen wir uns laufend einem freiwilligen Selbstbewertungsprozess, um weitere Verbesserungspotenziale zu identifizieren.
REA: Der demografische Wandel verlangt nach familien- und generationengerechten Gemeinden. Sind wir im Außerfern schon soweit?
Schall: Das Problem ist erkannt und viele Vordenker suchen nach Lösungen. Ich denke hier etwa an die derzeitigen Bemühungen, die häusliche Pflege durch Koordination und Beratung weiter zu stärken. Dank dieser Initiativen sind wir auf einem guten Weg.
REA: In seiner ersten Neujahrsansprache im Jahr 1993 beklagte sich Kammerobmann Peter Wartusch über die überhand nehmende Bürokratie. In seiner letzten Rede im Jahr 2010 blies er ins selbe Horn. Blieben die Gebetsmühlen der Wirtschaft ungehört?
Schall: Wir sind als Behörde bemüht aufzuzeigen, wo im Vollzug noch Potenziale für Vereinfachungen bestehen. Dabei ist es wichtig, dass die Erfahrungen aus dem praktischen Vollzug auch in die Gesetzgebung einfließen. Grundsätzlich bemühen wir uns um rasche und gleichzeitig qualitätsvolle Verfahren. Wenn es zu Verzögerungen kommt, dann liegt dies häufig auch an unvollständigen Unterlagen seitens der Antragsteller. Liegen alle Unterlagen vor, dann lässt sich das Behördenverfahren selbst für ein Großvorhaben innerhalb eines Monats abschließen.
REA: Was unternimmt die BH um den Unternehmern das Leben leichter zu machen?
Schall: Im Landesdienst wird im Rahmen verschiedener Projekte versucht, die Antragstellung einfacher zu gestalten. Gleichzeitig setzen wir verstärkt auf persönliche Beratung der Unternehmer. Wir planen auch die Einführung von Sprechtagen zum Betriebsanlagenrecht. Unser Ziel ist es, den Unternehmer rasch und effizient durch den Paragrafendschungel zu führen.
REA: Die Bürokratie schützt nicht nur seltene Käfer und lästige Nachbarn sondern auch Betriebe vor unliebsamer Konkurrenz. Gibt es also eine gute und eine schlechte Bürokratie?
Schall: Es gibt nur gute Bürokratie :-)). Gesetzliche Regelungen sichern ein friedvolles Zusammenleben der Menschen. Auch bei heiklen Projekten ist eine frühzeitige, offene und neutrale Information wichtig. Die Befürchtungen von Anrainern sind ernst zu nehmen. Wir bemühen uns als Behörde, Kompromisse zu finden, mit denen alle Beteiligten leben können.
REA: Sie sind Vorsitzende des Fördergremiums für die Naturparkregion und Mitglied im REA-Vorstand. In diesen Gremien werden auch Weichen für die zukünftige Bezirksentwicklung gestellt. Was macht die Region aus Ihrer Sicht fit für die Zukunft?
Schall: Der Weg in die Zukunft führt über die Bildung. Wir haben sehr gute Schulen im Bezirk Reutte. Auch die Lehrlingsausbildung ist auf einem hohen Niveau. Die zahlreichen Preise bei Lehrlingswettbewerben sprechen für sich. Ich sehe uns hier auf einem guten Weg. Klein, aber fein: Zudem weist unser Bezirk einerseits hohe Lebensqualität und andererseits eine ausgewogene Wirtschaftsstruktur auf.
Der Bezirk Reutte hat dabei einen guten wirtschaftlichen Mix mit einem Industriezentrum im Großraum Reutte, wo high-tech-Betriebe angesiedelt sind, und landschaftlich faszinierende Gebiete, wie die Zugspitzarena, das Tannheimertal und das Lechtal mit qualitativ hoch stehendem Tourismus und guten Nächtigungszahlen. Wir sind wirklich ‚ALLESAUSSERFERN’!!!
REA: Es gibt in Österreich 99 Bezirke. Darunter sind nur elf mit einer Bezirkshauptfrau an der Spitze. Unter diesen elf sind Sie zudem die jüngste. Ist der Weg nach oben für Frauen steiniger und mühseliger?
Schall: Man steht als Frau in einer solchen Position mehr unter Beobachtung. Es ist aber letztendlich nur eine Frage der Zeit, bis das Geschlecht hier absolut keine Rolle mehr spielt. Bereits jetzt gibt es in der Verwaltung sehr viele Referatsleiterinnen und angehende weibliche Führungskräfte.
REA: Einige REA-Projekte unter Schirmherrschaft von Dr. Dietmar Schennach galten auch der Chancengleichheit wie etwa das Soziale Leitbild oder der Politiklehrgang für Frauen. Inwieweit ist Ihre Karriere dem Weitblick Ihres Vorgängers geschuldet?
Schall: Dr. Dietmar Schennach war eine Führungskraft, die das Potenzial junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erkannte und förderte, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Dabei habe ich auch viel von ihm gelernt.
REA: Sie sind nun seit etwas mehr als ein halbes Jahr im Amt. Erkennt man schon eigene Fußstapfen?
Schall: Als Leiterin des Unternehmens BH Reutte fühle mich verantwortlich für die Zufriedenheit unserer Kunden und Mitarbeiter. Diese Verpflichtung formt die Fußstapfen der Katharina Schall.
REA: Vielen Dank für das Gespräch.

