Wirtschaft im Außerfern
Die Wirtschaft im Außerfern
Die Anfänge der gewerblichen Wirtschaft reichen weit in das Mittelalter zurück. Auch wenn Bodenschätze im Außerfern spärlich vorkommen, sind doch Jahrhunderte hindurch an einigen Stellen Erze abgebaut und verhüttet worden. Bekannt ist die ehemalige, schon im 7. Jahrhundert erfolgte Gewinnung von Eisenerz am Säuling, das in Pflach in der Hüttenmühle verarbeitet worden ist. Bedeutender war das bis 1921 betriebene Bergwerk Silberleithen, wo die am Schachtkopf südlich von Biberwier abgebauten Erze von Bleiglanz, Galmei und Zinkblende ihre weitere Bearbeitung erfuhren.
Begünstigt durch den Waldreichtum spielte die Holzwirtschaft seit jeher eine gewichtige Rolle, sei es im Bereich des Holzhandels oder der Errichtung von Sägewerken und Holz verarbeitenden Betrieben. Zu den Hauptabnehmern zählten Bayern und vor allem die Saline in Hall, wobei das Holz entweder auf dem Lech getriftet oder auf dem Landweg über den Fernpass transportiert wurde. Ebenfalls für die Haller Saline bildete die Erzeugung von Fassdauben in Ehrwald einen wichtigen Erwerbszweig. Weiters profitierten in der Vergangenheit zahlreiche Handwerks- und Beherbergungsbetriebe sowie das Rodfuhrwesen von der Abwicklung des Transitverkehrs entlang der Oberen Straße bzw. der Salzstraße. Außerferner Bauhandwerker, vornehmlich Zimmerleute, Stuckateure und Maurer, waren vor allem im Ausland gefragt, und Wanderhändler aus dem Lechtal brachten es im 18. u. 19. Jh. teilweise zu großem Reichtum und Ansehen. Die Verlagerung der Hauptverkehrslinie vom Fernpass zum Arlberg (1785) und der grundlegende wirtschaftliche Wandel im Industriezeitalter ließen den bescheidenen Wohlstand schwinden und das Außerfern im 19. Jh. zu einem Notstandsbezirk absinken.
Die Reuttener Textilwerke – Beginn der Industrialisierung
In der Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs brachte die Errichtung einer Textilfabrik zumindest für die Bevölkerung von Reutte eine gewisse Linderung. Mit der Gründung einer „Haar- und Flachsstampf“ in Höfen reichen erste Ansätze dieses Unternehmens zwar in das Jahr 1642 zurück, doch erst im Jahre 1825 ist auf dem heutigen Betriebsgelände eine Leinwandfaktorei zur Verarbeitung des Flachses entstanden. Der Mitbegründer der Tiroler Textilindustrie, Jakob Graßmair, errichtete 20 Jahre später eine Baumwollspinnerei, der nach dem Erwerb des Betriebes durch F. C. Hermann 1867 eine Weberei angegliedert wurde. Die „Fa-brik“ – wie sie schlichtweg genannt wurde - bot immerhin Hunderten von Menschen Arbeit und Brot. 1918 gelangte das Unternehmen in den Besitz der Kleinmünchner Baumwollspinnereien in Linz, aber erst 1949, als die neu gegründete Konzerngesellschaft Reuttener Textilwerke (RTW) als selbstständiger Teilbetrieb der Schweizer Thyll-Gruppe die Textilfabrik übernahm, konnten umfangreiche Strukturmaßnahmen wie die Angliederung einer eigenen Färberei umgesetzt werden. Neben der seit dieser Zeit sehr bedeutenden Cordsamt-Erzeugung wurden Garne aus Baumwolle und Zellwolle in verschiedenen Stärken sowie Rohgewebe für Bekleidung, Heimtextilien und Technik hergestellt, wobei rund 80 Prozent in den Export gingen. Bis zu Beginn der 1980er Jahre bot die Fabrik rund 500 Arbeitsplätze. Die harte Konkurrenz auf dem Textilsektor, vor allem durch Billigprodukte aus Asien, führte die RTW in eine Krise und letztlich zur Schließung von Spinnerei und Färberei im Jahre 1982. Die Produktion wurde in der Folge ausschließlich auf Rohgewebe konzentriert, wofür eine bauliche Erweiterung und Modernisierung der Weberei erforderlich war. Immerhin konnten in diesen Jahren mit einer auf 170 Mitarbeiter reduzierten Belegschaft noch 11 % der Webwaren Österreichs erzeugt werden. Im Jahre 1987 kam es allerdings zur Auflösung dieses traditionsreichen Unternehmens als eigenständiger Betrieb. Zwar weiterhin im Besitz der Thyll-Gruppe verbleibend, ist die „Fabrik“ auf einen reinen Verarbeitungsbetrieb mit weniger als 100 Beschäftigen und ohne eigene Verwaltung geschrumpft und firmiert seither unter der Bezeichnung „Weberei Telfs – Werk Reutte“.
Das Elektrizitätswerk Reutte – EWR
An die zweite Stelle als Arbeitgeber im Reuttener Becken rückte somit das Elektrizitätswerk Reutte (EWR), dessen Entwicklung zu einem der größten gemeindeeigenen Stromerzeugungsunternehmen Österreichs – von den Anlagen der Landeshauptstädte abgesehen – die Voraussetzung für den Aufstieg des Außerferns zum Bezirk mit dem höchsten Anteil an Industriebeschäftigten schuf. Um 1900 kam es nämlich in Reutte zu Bestrebungen, den Abfluss des Plansees, den Archbach, für die Energiegewinnung zu nutzen. Bereits 1903 wurde durch das 1901 gegründete Elektrizitätswerk Reutte Strom erzeugt. Die Kraftwerksanlage entstand bei der ehemaligen Papierfabrik am Fuße des Tauern („Zentrale” genannt), wo das Planseewasser nach einem 1240 m langen Druckstollen und einer bis 1987 oberirdischen Druckrohrleitung zu den ersten beiden Turbinen gelangte. Mit dem Bau eines Verbindungskanals im Jahre 1908 konnte auch der Heiterwanger See zur energiewirtschaftlichen Nutzung herangezogen werden. Die Bevölkerung stand dem elektrischen Strom zunächst allerdings ablehnend gegenüber, was zu Verhandlungen mit den bayerischen Nachbargemeinden Füssen und Pfronten und zu deren Anschluss an das Elektrizitätswerk Reutte im Jahre 1907 führte. Zur Steigerung der Leistung wurde die Kraftwerksanlage in den folgenden Jahrzehnten immer wieder ausgebaut und erneuert. Mit einer Leistung von 27.000 kW pro Stunde ist es das größte aller zehn gemeindeeigenen Kraftwerke, die zusammen 53.600 kWh erbringen. Zu den größten, alle in den Jahren nach 1950 entstandenen Anlagen gehören die am Lech gelegenen Kraftwerke Kniepass (1953) und Weißhaus (1968) sowie das Kraftwerk Heiterwang (1977). Mit nahezu 500 Beschäftigten versorgt die Werkgruppe EWR rund 55.000 Menschen mit Strom - davon 25.000 im Außerfern - und zählt zu den ältesten Stromexporteuren nach Bayern.
Zement- und Kalkwerk Schretter
Gerade noch ins 19. Jahrhundert fällt die Gründung der Firma Schretter & Cie in Vils im Jahr 1899 durch den Vilser Eduard Erd und Georg Schretter aus Reutte. Dieser Betrieb, dessen wuchtige Anlagen die Talmitte beherrschen, bildet den wirtschaftlichen Schwerpunkt der Stadt Vils und bietet rund 170 Menschen einen Arbeitsplatz. Anfänglich bestand die Firma aus einer Ziegelei und Falzplattenerzeugung samt Kalkbrennerei und Sägewerk. Bereits seit dem Jahr 1904 erzeugt Schretter Portlandzement, für dessen hohe Qualität die Rohmaterialvorkommen in der unmittelbaren Umgebung in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Der größte und wichtigste Steinbruch befindet sich südwestlich der Stadt in den Vilser Alpen, wo Kalke und Mergel im Tagbau gebrochen, dort in einer Rohaufbereitungsanlage zerkleinert und über eine Seilbahn zum Zementwerk zur weiteren Verarbeitung transportiert werden. Neben der Produktion von Zement und Kalk im Hauptwerk Vils erfolgt der Abbau von Gipsstein in Weißenbach und seine Verarbeitung und Veredelung durch eine Tochtergesellschaft in Weißenbach am Lech. Die Firma hat sich in den letzten Jahrzehnten auch mit der Entwicklung von Hochleistungsbaustoffen etabliert und erzeugt Spezialbaustoffe und im Zweigwerk Kirchbichl Spezialbindemittel. Die Auslieferung der Endprodukte geschieht per Bahn und LKW. Neben Österreich sind Deutschland, die Schweiz und Italien die wichtigsten Abnehmerländer. Dank der Voraussetzung, dass sämtliche Rohstoffe für die Herstellung der verschiedenen Baustoffe in hervorragender Qualität zur Verfügung stehen, bildet die Firma Schretter als einziger derartiger Betrieb in Tirol trotz seines peripheren Standortes eine wichtige wirtschaftliche Säule in der Region (Foto: Seite 201).
Das Metallwerk Plansee – ein Betrieb mit Weltgeltung
Die Gründungsgeschichte des Metallwerkes Plansee vermittelt in eindrucksvoller Weise, dass nicht rationale Überlegungen, sondern vielmehr Zufälle für eine Betriebsansiedlung ausschlaggebend sein können. Der Unternehmer Paul Schwarzkopf, der sich schon vor dem Ersten Weltkrieg mit hochschmelzenden Metallen beschäftigt hatte, wollte seinen Betrieb wegen des hohen Energiebedarfes von Berlin nach Tirol verlegen. So sollte der 21. Juni 1921, der Tag der unplanmäßigen Ankunft von Dr. Paul Schwarzkopf in Reutte, das Leben dieses nordwestlich gelegenen Bezirkes in Tirol völlig verändern.
Die Forscherpersönlichkeit Paul Schwarzkopf (1886 – 1970) begann zunächst mit einer bescheidenen Erzeugung von Molybdän- und Wolframdrähten. Seither sind zahlreiche bahnbrechende Entwicklungen vom Plansee-Werk ausgegangen, wobei all diese Innovationen auf der Pulvermetallurgie gründen. In der Pulvermetallurgie werden metallische Pulver unter hohem Druck zu Formkörpern gepresst und anschließend einer als Sintern bezeichneten Wärmebehandlung unterzogen. Das Sintern erfolgt unterhalb des Schmelzpunktes des jeweiligen Metalles und ermöglicht so unter Umgehung des Schmelzprozesses die Herstellung kompakter, nahezu dichter Körper. Ein Teil der Metalle erhält bereits nach dem Sintern seine endgültige Form und Beschaffenheit, andere Hochleistungswerkstoffe werden Prozessen der Umformtechnik wie Schmieden, Ziehen oder Walzen unterzogen. Die erforderlichen Rohstoffe Molybdän, Wolfram, Tantal, Niob, Chrom, Titan oder Rhenium werden importiert und stammen vorwiegend aus Übersee wie USA, Chile, China usw. Die umfangreiche Angebotspalette der Plansee-Hightechprodukte gliedert sich zum einen in den Bereich Hochleistungswerkstoffe, die für Drähte, Bleche, Stäbe und andere Formkörper in der Elektronik, Medizin und Kerntechnik, in der chemischen Industrie und weiteren Branchen der Hochtechnologie benötigt werden. Der zweite Stammbetrieb in Reutte mit Plansee Tizit konzentriert sich auf die Herstellung von Hartstoffen, Hartmetallen und Werkzeugen mit hohem Verschleiß-schutz, der beim Drehen, Fräsen oder Bohren erforderlich ist. Ein dritter Produktionsschwerpunkt ist 1961 im nahe gelegenen Füssen gegründet worden und umfasst die Erzeugung von Sinterstahl und Sintereisen u.a. für die Automobilindustrie (Synchronringe, Stoßdämpferteile etc.).
Die Expansion des Betriebes sowie wirtschaftliche Beweggründe führten bereits am Beginn der 1960er Jahre zu einer Verlagerung oder Ausgliederung einzelner Produktionszweige, die entweder in Neugründungen oder in der Übernahme von Betrieben mit ähnlicher Produktionsausrichtung mündeten.
So besteht die internationale Plansee-Unternehmensgruppe heute neben den drei Hauptbetrieben (Metallwerk Plansee und Plansee Tizit in Reutte und Plansee Sinterstahl in Füssen) aus zahlreichen weiteren Fertigungsbetrieben in Österreich, Deutschland, Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien, Bulgarien, USA, Indien und Japan sowie 18 Vertriebsgesellschaften. Die weltweite Präsenz des Plansee-Unternehmensverbundes erstreckt sich über 50 Produktions- und Vertriebsunternehmen in insgesamt 17 Ländern. Der Firmengründer Paul Schwarzkopf hat seinerzeit mit 20 Mitarbeitern begonnen. Heute sind es an die 2000 Beschäftigte allein in Reutte, weltweit etwa 4500, die einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro erwirtschaften. Der Exportanteil der Planseeprodukte liegt bei über 93 %.
Ausschlaggebend für die Gründung von Plansee war die elektrische Energie, die das gemeindeeigene Elektrizitätswerk in dem nötigen Umfang liefern konnte. Die Standortbedingungen von einst – Energie- und Arbeitskräftepotenzial – würden heute allerdings nicht mehr rechtfertigen, einen Hightechbetrieb wie Plansee in einem Peripherraum fernab von industriellen Konzentrationen, wirtschaftlichen Ballungsräumen und wissenschaftlichen Forschungsstellen anzusiedeln. Um die infrastrukturellen Standortnachteile abzuschwächen und die Attraktivität des Raumes Reutte zu steigern, war das Unternehmen bestrebt, umfassende individuelle Anreize zu schaffen und nachhaltige Aktivitäten zu setzen. Der Erfolg gibt der Firmenphilosophie Recht, denn diese Maßnahmen haben die wirtschaftliche und auch kulturelle Entwicklung des gesamten Bezirkes maßgeblich beeinflusst.
Firmeneigene Forschung und Entwicklung nehmen dabei einen hohen Stellenwert ein. Mit sechs Prozent des gesamten Umsatzes für Forschung und Entwicklung sowie weiteren 2,5 % für Qualitätssicherung findet sich Plansee unter den 20 forschungsintensivsten industriellen Großbetrieben Österreichs. Seit 1952 werden in Abständen von vier bis fünf Jahren internationale Plansee-Seminare abgehalten, zu denen Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Reutte in das „Mekka der Pulvermetallurgie“ pilgern. Im Jahr 2001 belief sich der Teilnehmerkreis des 15. Internationalen Plansee-Seminars für Pulvermetallurgie auf rund 500 Personen.
Größter Wert wird auf die Ausbildung des Mitarbeiternachwuchses in den eigenen Lehrlingswerkstätten (seit 1939) gelegt, aber ebenso auf die Fort- und Weiterbildung der Beschäftigten durch anspruchsvolle Bildungsprogramme, in die seit 1971 großzügig investiert wird. Die Idee von Paul Schwarzkopf, ein Schulangebot zu schaffen, das jungen Menschen eine solide Allgemeinbildung und gleichermaßen eine handwerkliche Berufsausbildung vermittelt, konnte mit Hilfe des Plansee-Werkes im Jahre 1959/1960 realisiert werden. In der auf fünf Jahre aufgestockten Oberstufe am Realgymnasium in Reutte wurde ein pulvermetallurgischer Zweig eingerichtet, dessen Absolventen mit der Matura und mit der Facharbeiterprüfung (u. a. für Werkstoffprüfer, Chemielaborant oder Industriekaufmann) abschlossen. Leider ist dieses viel beachtete Schulmodell Ende der 1990er Jahre wegen mangelnder Akzeptanz ausgelaufen, es findet aber eine Fortführung in dem vierjährigen technischen Zweig, in dem ebenfalls ein metallurgisches Praktikum zu absolvieren ist.
Neben den Bildungs- und Ausbildungsprogrammen des Planseewerkes tragen seit 30 Jahren die Planseekonzerte, die von Künstlern internationalen Formats aufgeführt werden, zur Anhebung der kulturellen Infrastruktur des Bezirkes bei.
Industriegründungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zu den jüngeren bedeutenden Industriegründungen im Reuttener Becken gehört die Firma Multivac Maschinenbau in Lechaschau. Mit dem Stammwerk im nördlichen Allgäu (Wolfertschwenden, Bayern) und zahlreichen weiteren Vertriebsgesellschaften und Fertigungsstätten im In- und Ausland gilt Multivac als einer der weltweit führenden Hersteller von Verpackungsmaschinen. Das mit modernsten Fertigungseinrichtungen ausgestattete Tochterunternehmen in Lechaschau ist 1974 gegründet worden und produziert für das Hauptwerk Teile und Baugruppen von Verpackungsmaschinen. Mit rund 170 Mitarbeitern zählt die Firma Mulitvac zu den größeren Industriebetrieben im Bezirk.
Im Reuttener Becken und dem nördlich anschließenden Raum Vils stellen Industrie und Handel - mit Reutte als dem Einkaufszentrum des Bezirkes - die bedeutendste Wirtschaftskomponente dar. Während in Zwischentoren und im Tannheimer Tal der Tourismus das Wirtschaftsleben dominiert, ist das Lechtal lange Zeit als Schwächeraum des Bezirkes hinterhergehinkt, da es neben der kargen Landwirtschaft kein weiteres wirtschaftliches Standbein besessen hat. In Elbigenalp, dem Hauptort des Tales, hat sich als Besonderheit die einzige Schnitzschule Österreichs und davon ausgehend ein eigener Wirtschaftszweig entwickelt. Die Anfänge der heutigen Schule reichen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, als der Chronist und Lithograph Anton Falger eine Zeichenschule gegründet hat, die später in eine Stuckateur- und schließlich in eine Schnitzschule übergegangen ist. Den ausschlaggebenden Aufschwung zur überregionalen Schnitzschule leitete der Holzbildhauer Rudolf Geisler-Moroder ein, der die Schule 1951 übernommen und ausgebaut hatte. In fünf Wintersemestern konnte das Schnitzereihandwerk erlernt und mit einer Gesellenprüfung abgeschlossen werden. Heute ist die Schnitzschule Elbigenalp eine Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht mit integriertem Internat und wird als vierjährige Fachschule für Kunsthandwerk mit zwei Ausbildungszweigen, nämlich Bildhauer sowie Vergolder und Schilderhersteller, geführt. Ausgehend von der Schnitzschule hat sich das Schnitzereihandwerk im Lechtal zu einem bedeutenden Erwerbszweig, vor allem als Nebenerwerb zur Landwirtschaft, entfaltet. Die Auswirkungen sind vielschichtig und reichen von der Gründung der Schnitzereigenossenschaft Lechtal und Entwicklung einiger größerer Schnitzereibetriebe bis hin zum Privatangebot eines umfangreichen Kursprogramms für (Hobby-)Künstler.
Der Initiative und dem Unternehmergeist des Bankangestellten Franz Koch ist es zu verdanken, dass ebenfalls von Elbigenalp ein beeindruckender wirtschaftlicher Impuls ausgegangen ist. Aus einem kleinen Tonstudio hat sich ein Hightechbetrieb von Weltgeltung entwickelt, der auf die Herstellung von optischen Speichermedien spezialisiert ist. Die heutige Firma kdg mediatech ist einer der führenden CD/DVD-Hersteller in Europa. 1985 wurde die Koch Digitaldisc als drittes und größtes CD-Presswerk Europas gegründet. Der rasante Wandel des digitalen Zeitalters erfordert gerade in dieser wachsenden Branche höchste Flexibilität und Marktanpassung. Dies geschah beispielsweise durch die Erzeugung neuer Werkzeuge für die CD-Fertigung zur Ver-besserung von Produktivität und Qualität sowie die Entwicklung von CD-Prüfsystemen in den 1980er Jahren. 1996 gelang dem Betrieb der Aufstieg zum Weltmarktführer im CD-Prüfbereich. Koch-Digitaldisc war eines der ersten Presswerke Europas, das seinen Kunden ein selbst entwickeltes, bedarfsorientiertes Kopierschutzssystem anbieten konnte. 1997 wurden die Mehrheitsanteile des Unternehmens dem Gilde Buy Out Funds, einem Investment Fund mit Sitz in Holland, abgetreten und 1999 erfolgte die Umbenennung in kdg mediatech (Foto: Seite 201).
Neben dem Presswerk in Elbigenalp verfügt kdg mediatech heute über weitere Presswerke in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden sowie über zahlreiche Vertriebsniederlassungen in Euro-pa. Rund 500 Mitarbeiter, davon knapp die Hälfte in Elbigenalp, produzieren täglich 600.000 CDs, 60.000 DVDs sowie andere Speichermedien. Die kleine Musikkassettenproduktion mit einer Tageskapazität von immerhin 20.000 Stück befindet sich in Stanzach. Nicht zuletzt basiert der Erfolg von kdg mediatech als CD-Pionier auf dem hohen Stellenwert von Forschung und Entwicklung, die in Elbigenalp seit der Firmengründung zur Basis des Unternehmens gehören.
Weiters hat Franz Koch unter dem Dach der Franz Koch Privatstiftung im In- und Ausland eine Reihe von Firmen gegründet, die in der Musikbranche wurzeln. Mit der Errichtung eines 50.000 m2 umfassenden Firmengebäudes - mit Europas erstem zentralen und selbst entwickelten automatisierten Lagerbewirtschaftungssystem „Amadeus” - wurde der Sitz dieser Firmengruppe 1992 nach Höfen verlagert. Die Koch Gruppe ist heute mit eigenen Gesellschaften in Deutschland, Schweiz, Italien, Großbritannien, USA und Kanada vertreten. Von den rund 600 Beschäftigten entfällt etwa die Hälfte auf den Standort Höfen. Neben der Konzernzentrale befinden sich am Standort Höfen die Bereiche Software (Koch Media seit 1994), Druck und Design (Artpress Druckerei seit 1985), Buch (Buchverlag Koch seit 2000) sowie eine Beteiligungs- und Immobilienfirma (Foto: Seite 201).
Neben der Position als einer der größten unabhängigen Musikanbieter in Form der Koch Entertainment USA schaffte die Koch Gruppe in Europa in Form der Koch Media als internationaler Vermarkter von interaktiven Medienprodukten den Sprung unter die erfolgreichsten Hersteller und Vermarkter von PC-Spielen. Weitere Schwerpunkte liegen in Entwicklung und Publishing sowie Vermarktung und Vertrieb digitaler Medien über alle Vertriebskanäle. Insgesamt umfasst das Sortiment cirka 3000 Software-Artikel.
Die Artpress Druckerei ist vor allem auf die Herstellung von Drucksachen für die Musik-, Multi-Media und Werbebranche spezialisiert. Für das Design steht eine eigene Grafikabteilung zur Verfügung.
Seit 2001 gehören der im Buchbereich tätigen Verlagsgruppe Koch auch das Ratgebersortiment des bekannten Humboldt-Verlages sowie der Hannibal Verlag an.
Schlussbetrachtung
Die Wirtschaft des Außerferns beschränkt sich natürlich nicht allein auf die angeführten Großbetriebe, sondern wird von einer Vielzahl von Mittel- und Klein- bis hin zu Einmann-Betrieben geprägt. In den Ergebnissen der Arbeitsstättenzählung 2001 sind für das Außerfern immerhin 1795 Arbeitsstätten ausgewiesen. Davon entfallen auf die Sparten Industrie und Gewerbe 158, auf das Bauwesen 102 sowie auf Handel und Verkehr 404 Betriebe. Der Rest von 524 Arbeitsstätten verteilt sich auf den privaten und öffentlichen Dienstleistungssektor. Die starke Ausrichtung des Außerferns auf die Wirtschaftszweige Industrie und Gewer-be findet auch in dem hohen Anteil der dort beschäftigten Personen ihren Niederschlag. Von den 10.429 unselbstständig Beschäftigten im Jahre 2002 entfallen 4604 oder 44,2 % auf diesen als sekundären Sektor bezeichneten Wirtschaftsbereich. Mit diesem Wert liegt das Außerfern weit über dem Tiroler Durchschnitt mit nur mehr 28,2 %.
Der Bedarf an hoch qualifizierten Beschäftigten in den forschungsintensiven Hightechunternehmen des Außerferns hat nicht nur zu einem Anstieg der Maturanten- und Akademikerquoten geführt, sondern den Bezirk auch hinsichtlich des Einkommensniveaus in das Spitzenfeld Tirols gerückt. Die insgesamt erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat Reutte aus dem Notstandsbezirk zu Beginn des 20. Jhs. allmählich wieder zu einem Wohlstandsbezirk aufsteigen lassen. Mit dem Beitritt Österreichs zur EU 1995 konnten auch die wirtschaftlichen Kontakte zu den bayerischen Nachbarregionen weiter intensiviert und damit die Nachteile durch die Peripherlage des Außerferns innerhalb Tirols abgeschwächt werden.
Quelle:"Der Bezirk Reutte - Das Außerfern. Herausgeber ist der Katholische Tiroler Lehrerverein, Bezirksschulrat Reutte mit der ISBN Nummer 3-70810005-0.
Literaturhinweise
Fuchs, Franz (1984): Heimat Außerfern. Eine Heimatkunde des Bezirkes Reutte. Reutte
Keller, Wilfried (1986): Wandlungen im alpinen Bevölkerungsbild unter dem Einfluss der Industrialisierung.- Das Außerfern als Beispiel. In: Beiträge zur Bevölkerungsforschung (Festschrift Ernest Troger Bd. 1), Wien
Keller, Wilfried (2002): Der obere Weg: Außerfern, Fernpass und das Obere Gericht. In: Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Geographischer Exkursionsführer Bd. 1 (Innsbrucker Geographische Studien 33/1), Innsbruck
Lipp, Richard (1994): Das Außerfern. Der Bezirk Reutte, Innsbruck
Reutte – 500 Jahre Markt 1489 – 1989 Herausgegeben von der Marktgemeinde Reutte
900 Jahre Breitenwang 1094-1994. Herausgegeben von der Gemeinde Breitenwang, Innsbruck
Statistische Unterlagen: Statistik Österreich, Wirtschaftskammer Tirol und Österreich.

