Land- und Forstwirtschaft im Außerfern
Landwirtschaft
Grundlagen
Die reizvolle Landschaft des Bezirkes Reutte ist wesentlich durch die jahrhundertelange bäuerliche Bewirtschaftung geprägt (Kulturlandschaft). Im Vergleich zu anderen Tiroler Bezirken herrscht im Außerfern raues Klima. Niederschläge gibt es reichlich. Neben der forstwirtschaftlichen Nutzung – der Wald ist großteils in Gemeinschaftsbesitz – ist bei der landwirtschaftlichen Nutzung im Bezirk praktisch ausschließlich die Grünlandwirtschaft möglich. Ackerbau ist aus klimatischen Gründen so gut wie keiner vorhanden. Das Grünland (Wiesen, Weiden, Bergmähder und Almflächen) kann somit nur als Futter über die Viehwirtschaft verwertet werden.
Es dominiert der Nebenerwerb, d. h. meistens ist ein zusätzliches außerlandwirtschaftliches Einkommen vorhanden. Die Bäuerinnen sind aus der Landwirtschaft nicht wegzudenken. Sowohl die geschichtliche Entwicklung der Landwirtschaft als auch die Tatsache, dass es nach wie vor im Bezirk drei bedeutende Milchverarbeitungsbetriebe gibt, rechtfertigen es, das Außerfern als „Züchterregion mit Käsetradition” anzusprechen.
| 5320 ha |
mehrmähdige Wiesen (einschließlich Kulturweiden |
| 950 ha |
einmähdige Wiesen und Bergmähder |
| 200 ha |
Hutweiden |
| 18300 ha |
Almfutterfläche |
| 24770 ha |
Genutztes Grünland gesamt |
Almwirtschaft
Auf 110 Almbetriebe werden jährlich ca. 5.200 GVE (Großvieheinheiten) aufgetrieben, darunter sind ca. 1.100 Kühe. Vier von fünf Tierhaltern des Bezirkes treiben ihr Vieh im Sommer auf eine Alm. Nur noch auf einzelnen Almen wird die Milch direkt zu Almkäse verarbeitet.
Landwirtschaftliche Betriebe
Im Jahr 2003 registrierte die Bezirkslandwirtschaftskammer Reutte 916 aktive Betriebe, darunter waren 164 Almen bzw. Gemeinschaftsweiden. Unter den restlichen Betrieben finden sich zu diesem Zeitpunkt 184 biologisch wirtschaftende Betriebe. Bezogen auf die bäuerlichen Familienbetriebe („Heimbetriebe” ohne Almen und Gemeinschaftsweiden) waren im Jahr 2003 also 24 % Biobetriebe. Fast alle Betriebe nehmen am österreichischen Programm für umweltgerechte Landwirtschaft (ÖPUL) teil. Dadurch wird sichergestellt, dass die Bewirtschaftung unter umweltverträglichen Bedingungen erfolgt.
Viehzahlen laut letzter Komplettzählung 1999
| Anzahl | Tierart |
Halter |
| 6063 |
Rinder | 568 |
| 643 | Pferde |
164 |
| 423 | Schweine | 136 |
| 4956 | Schafe | 239 |
| 393 | Ziegen | 91 |
| 5862 | Hühner | 234 |
Viehhaltung
Im Bezirk Reutte wird von den Rinderhaltern großteils die Rasse „Braunvieh” gehalten. Die Braunviehzucht ist vereinsmäßig organisiert (46 Viehzuchtvereine im Bezirk Reutte im Jahr 2003) und bildet mit der Milchproduktion das Rückgrat der Außerferner Landwirtschaft. Ein eher jüngerer Betriebszweig ist die Mutterkuhhaltung. 40 Betriebe im Bezirk zählten im Jahr 2003 zu diesem Zweig der Rindfleischerzeugung.Neben Rindern werden auch Pferde, Schafe (zwölf Schafzuchtvereine), Ziegen und Hühner gehalten.
Milchwirtschaft
Im Bezirk Reutte liefern 344 Milchviehbetriebe pro Jahr 9,62 Millionen kg Milch an, das ergibt eine durchschnittliche Jahresanlieferung von ca. 28.000 kg pro Lieferant. Der Anteil der angelieferten Almmilch beträgt ca. 0,89 Millionen kg (von 31 Milchviehalmen). Folgende Milchmengen werden pro Jahr von den drei milchverarbeitenden Betrieben (Käsereien) des Bezirkes übernommen:
- Molkerei Wildberg, Reutte: 6,40 Millionen kg
- Tannheimer Taler Bergkäserei Biedermann, Grän: 1,95 Millionen kg
- Lechtaler Naturkäserei Fam. Sojer, Steeg: 0,83 Millionen kg
In diesen Betrieben wird ausschließlich silofreie Milch verarbeitet (Hartkäserei), Hauptprodukte sind Emmentaler und Bergkäse. Die Milch der Jungholzer Bauern wird nach Sonthofen (Allgäu) geliefert, einzelne Lieferanten des Gemeindegebietes Steeg liefern zur Sennerei Warth (Vorarlberg).
Fachliche Aus- und Weiterbildung
Interessierte Jugendliche des Bezirkes Reutte können die Ausbildungsangebote im Bereich Landwirtschaft bzw. Hauswirtschaft beispielsweise an der Landwirtschaftlichen Lehranstalt Imst bzw. an der Haushaltungsschule Breitenwang wahrnehmen. Rund ein Drittel der Absolventen der Landwirtschaftlichen Fachschule Imst kommt aus dem Bezirk Reutte.
Deneben bietet das Ländliche Fortbildungsinstitut (LFI) im Rahmen der Erwachsenenbildung ein vielfältiges Bildungsprogramm an. Bei Bedarf werden im Außerfern auch Erwachsenen-kurse für die landwirtschaftliche Facharbeiterprüfung über die Landwirtschaftskammer organisiert.
Schlussbemerkung
Die Landwirtschaft des Bezirkes Reutte erfüllt vielfältige Funktionen. Neben der Produktion von qualitativ hochwertigen Lebensmitteln und der Erhaltung einer intakten Kulturlandschaft gibt es zunehmend auch andere Ansprüche der Gesellschaft gegenüber den Bauern und Grundbesitzern. Der Anspruch auf Grund und Boden beispielsweise für die Besiedlung (Bauland, Gewerbegebiet, Verkehrsflächen etc.), aber auch der Anspruch seitens der Freizeitwirtschaft (vom Fahrradsportler bis zum Golfspieler). Ebenfalls muss hier auch das Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Landwirtschaft genannt werden. Hier fordert die Gesellschaft Bewirtschaftungsauflagen, die oftmals den Grundeigentümer bzw. Bewirtschafter wesentlich beeinträchtigen. Aus diesem vielfältigen Zusammenhang geht hervor, welche Verantwortung auch der einzelne Bürger bei der Wertschätzung der bäuerlichen Produkte und Dienstleistungen hat. Dies sollte beim bewussten Betrachten der gepflegten Landschaft aber auch beim gezielten Einkauf von Lebensmitteln nicht vergessen werden.
Quelle: "Der Bezirk Reutte - Das Außerfern". Herausgeber ist der Katholische Tiroler Lehrerverein, Bezirksschulrat Reutte mit der ISBN Nummer 3-7081000
Literatur
Viehzählungsergebnisse 1999 und Erhebungen und Daten der Bezirkslandwirtschaftskammer Reutte.
Weiterführende Links
www.lk-tirol.at
www.lfi.at
www.tirol.gv.at
Forstwirtschaft
Gute Waldausstattung
Die Waldfläche des Bezirkes Reutte beträgt rund 46.500 ha. Bezogen auf die Gesamtfläche von 123.700 ha ergibt sich ein Waldanteil von 38 %. Mit diesem Wert liegt die Waldausstattung geringfügig über dem Tiroler Durchschnitt. Die Waldfläche im Bezirk Reutte nimmt derzeit durch Naturverjüngung auf landwirtschaftlichen Grenzertragsböden und Almen zu.
Die Standortvoraussetzungen für den Außerferner Wald sind zum überwiegenden Teil ungünstig. Rund 3/4 der Außer-ferner Wälder stocken auf seichtgründigen Kalk- und Dolomitstandorten mit schlechter Nährstoffversorgung und geringer Humusauflage. Auf den viel leichter verwitterbaren Lias-Flecken- mergel Gesteinen (ca. 1/4 der Fläche) haben sich fruchtbare Böden mit guter Nährstoffversorgung und Wasserspeicherkapazität entwickelt. Diese Standorte sind sowohl für das Waldwachstum als auch für die Landwirtschaft wesentlich ertragreicher, den Fleckenmergelstandorten sind auch die Lechtaler Grasberge zuzurechnen.
Baumartenverteilung im Bezirk Reutte
Die Außerferner Wälder gehören zu den Wuchsgebieten der nördlichen Randalpen und nördlichen Zwischenalpen. Als Waldgesellschaften in der montanen Stufe (bis ca. 1400 m Seehöhe) kommen der Fichten-Tannen-Buchen-Wald, Fichten-Tannen-Wald und Fichten-Kiefern-Wald vor. In der subalpinen Stufe (von 1400 m aufwärts) sind Fichtenwaldgesellschaften mit teilweiser Beimischung von Lärche, örtlich auch Zirbe, natürlich vertreten. Die teilweise ausgedehnten Latschenbestände kommen nur innerhalb der potentiellen Waldgrenze bis in eine Höhe von ca. 1850 m vor und bilden den obersten Gehölzgürtel. Auf Schutt-halden und in Lawinenbahnen dringen sie bis zum Talboden vor.
Aufgrund der überwiegend schlechten Standortvoraussetzungen liegt der durchschnittliche Holzzuwachs im Bezirk nur bei ca. 4,5 Vorratsfestmetern (Vfm) pro Hektar und Jahr. Auch die durchschnittlichen Holzvorräte (ca. 270 Vorratsfestmeter pro Hektar) weisen im Vergleich zum übrigen Tirol relativ niedrige Werte auf. Hauptbaumart im Bezirk ist mit einem Anteil von fast 79 % die Fichte, in geringerem Umfang sind Kiefer, Tanne, Lärche, Buche, Ahorn, Vogelbeere oder sonstige Laubhölzer beigemischt.
Waldeigentum im Bezirk Reutte
Rund 4/5 des Waldes (81 %) im Außerfern stehen im Eigentum von Agrargemeinschaften oder Gemeinden und werden gemeinschaftlich genutzt. Während Wiesen- und Ackerflächen bereits bei der Besiedlung aufgeteilt wurden, blieben der Wald und die Almen zum überwiegenden Teil im Gemeinschaftsbesitz. In früheren Zeiten waren alle Gemeindebürger nutzungsberechtigt, mit einer deutlichen Bevölkerungszunahme ab dem Mittelalter wurden diese Nutzungs-rechte an die bestehenden landwirtschaftlichen Betriebe (Stammsitzliegen-schaften) gebunden. Seit dem Beginn des 20. Jhs. sind aus diesen Nutzungsgemeinschaften durch Regulierung Agrargemeinschaften entstanden. Der größere Teil der Agrargemeinschaften verfügt über eigenen Grund und Boden, in verschiedenen Gemeinden ist das Grundeigentum bei den Gemeinden verblieben (Gemeindegut).
12 % des Außerferner Waldes gehören der Republik Österreich – Österreichische Bundesforste und werden von der ÖBF-AG verwaltet. Die Staatswaldflächen sind teilweise aus den landesfürstlichen Waldungen und teilweise aus Waldflächen, für die die Gemeinden aufgrund der nicht möglichen Bewirtschaftung keine Steuern bezahlt haben, hervorgegangen. Bis 1982 gab es für die Bundesforsteflächen eine eigene Forstverwaltung im Bezirk, nach sehr starken Rationalisierungs- und Personaleinsparungsmaßnahmen werden diese Flächen mittlerweile vom Forstbetrieb Oberinntal mit Sitz in Hall betreut.
Nur 7 % der Waldfläche sind Privatwald. Die Privatwaldflächen haben im Durchschnitt eine Flächenausstattung von unter 1 ha und sind zum überwiegenden Teil zugewachsene landwirtschaftliche Flächen.
Hoher Schutzwaldanteil - Schutzfunktion am wichtigsten
Vom Außerferner Wald ist nur ein Drittel (34 %) als Wirtschaftswald einzustufen. Bei 24 % handelt es sich um Schutzwald im Ertrag, hier sind zwar regelmäßige Nutzungen möglich, die Bewirtschaftung muss aber aufgrund der schwierigen Wiederbewaldung entsprechend vorsichtig erfolgen. 42 % gehören zur Kategorie Schutzwald außer Ertrag, es handelt sich dabei zum Teil um Hochwaldflächen in extremen Lagen, wo nur Zufallsnutzungen möglich sind, und zum Teil um Latschen und Grünerlenflächen, die eine wichtige Bodenschutzfunktion ausüben. In Summe sind also zwei Drittel der Gesamtwaldfläche des Bezirkes Schutzwald!
Waldausstattung im Bezirk
Aufgrund der steilen Hanglagen und der hohen Niederschläge kommt der Schutzfunktion der Außerferner Wälder eine besondere Bedeutung zu. Die Sicherheit von vielen Siedlungsräumen und Verkehrswegen ist mit einer möglichst guten Erfüllung der Schutzfunktion der Wälder untrennbar verbunden. So verhindert der Wald das Anbrechen von Lawinen, dämpft den Hochwasserabfluss bei Starkniederschlägen und schützt durch intensive Bewurzelung den Boden vor Erosionen. Aber gerade im Schutzwald ist zur Aufrechterhaltung der Schutzwirkung eine Bewirtschaftung mit einer rechtzeitigen Verjüngung und Pflege notwendig.
Die Schutzwälder weisen durch zunehmende Überalterung, Vitalitätsverlust und abnehmende Bestockung einen sehr schlechten Zustand auf. Die dringend notwendige Verjüngung in diesen aufgelichteten Wäldern bleibt derzeit aufgrund verschiedener Verjüngungshindernisse – vor allem durch zu starken Wildeinfluss – aus.
Nachhaltige Waldwirtschaft
Für die Agrargemeinschafts- und Gemeindegutswälder sowie die Österreichischen Bundesforste liegen durch die regelmäßige Forsteinrichtung Hiebsätze vor. Der nachhaltig mögliche Einschlag liegt bei ca. 70.000 fm und wird nur zu ungefähr 85 % genutzt. Zur notwendigen rechtzeitigen Waldverjüngung wäre eine Steigerung der Nutzung sinnvoll und wertvoll. Vor allem bei der Waldpflege der Jungbestände, bei den Läuterungen und Durchforstungen sind Rückstände vorhanden. Mit der Ausschöpfung des Nutzungspotentials und rechtzeitigen Durchführung von Pflegemaßnahmen wäre ein zusätzliches Einkommen für Nebenerwerbsbauern zu erzielen.
Neben den Einnahmen aus dem Holzverkauf bilden vor allem die Einnahmen aus der Jagdverpachtung für die Waldbesitzer ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Die rund 100 Genossenschafts- und Eigenjagden sind größtenteils an ausländische Jagdpächter verpachtet. Der Schaffung oder Erhaltung eines ausgewogenen und landeskulturell verträglichen Wildstandes kommt bei der Waldbewirtschaftung eine entscheidende Rolle zu.
Waldzustand
Laut Waldzustandsinventur weisen tirolweit 47 % aller älteren Bäume Kronenverlichtungen auf, 12 % davon sind deutlich geschädigt. Von den Kronenschäden sind vor allem die Nordalpen und die Schutzwälder betroffen. Der Bezirk Reutte, der zur Gänze den Nordalpen zuzuordnen ist und einen hohen Schutzwaldanteil hat, weist die höchsten Kronenschäden von ganz Tirol auf.
Neben dem schlechten Kronenzustand bereitet vor allem die Entmischung der Außerferner Wälder ernste Sorgen. Gerade die Tannen und Laubhölzer sind durch Wildverbiss besonders gefährdet. Die Verjüngung von Lärche und Kiefer wird durch Fege- und Schlagschäden beeinträchtigt. An den Wildschäden sind alle drei Schalenwildarten, sowohl Rot- als auch Reh- und Gamswild in unterschiedlichem Ausmaß beteiligt.
Die Außerferner Wälder wurden besonders im Jahr 1990 durch orkanartige Stürme schwerst in Mitleidenschaft gezogen. Bei diesen Stürmen sind rund 300.000 fm Schadholz angefallen. Durch die nachfolgende Borkenkäfermassenvermehrung sowie weitere größere Stürme mit einem Schadholzanfall von rund 400.000 fm kam es zur teilweisen Beeinträchtigung der Waldfunktionen und zu erheblichen Einkommensverlusten für die Waldbesitzer.
Verbesserung des Waldzustandes
Zur Erleichterung der Waldbewirtschaftung und der Verbesserung des Waldzustandes wurde seit dem Katastrophenjahr 1990 die Erschließung der Schutzwälder mit Forstwegen vorangetrieben und die Seilkranbringung intensiviert. Zum Teil bestehen allerdings nach wie vor noch große Erschließungsrückstände. Aufgrund der schlechten Ertragslage aus dem Wald ist die Durchführung von Schutzwaldsanierungs-, Aufforstungs- und Waldpflegemaßnahmen in größerem Umfang nur mit der entsprechenden Förderung möglich. Voraussetzung für eine Förderung von Schutzwaldverbesserungsprojekten ist dabei allerdings, dass keine Hinderungsgründe für die Waldverjüngung vorliegen.
Holzverarbeitung
Im Bezirk Reutte gibt es zwar sehr moderne Holzbaubetriebe, aber kein größeres, leistungsfähiges Sägewerk. Daher wird ein Großteil des Verkaufsholzes über den Fernpass abtransportiert. Ein höherer Einschnitt und der verstärkte Einsatz von Biomasse wäre eine große Chance zur Erhöhung der Wertschöpfung im Bezirk und zur Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen im ländlichen Raum.
Quelle: "Der Bezirk Reutte - Das Außerfern". Herausgeber ist der Katholische Tiroler Lehrerverein, Bezirksschulrat Reutte mit der ISBN Nummer 3-70810005-0.

